In den USA sorgt ein neuer Gesetzentwurf für Aufruhr in der Fahrzeugindustrie. Die vorgeschlagene Änderung der gesetzlichen Definition eines Motorrads könnte das Aus für eine ganze Fahrzeugklasse bedeuten, zu der beliebte Modelle wie der Polaris Slingshot und der Morgan Super 3 gehören. Zehntausende Besitzer und hunderte Unternehmen wären direkt betroffen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein US-Gesetzentwurf (House Resolution 3385) will die Definition eines Motorrads auf Bundesebene ändern.
- Die Neudefinition würde vorschreiben, dass der Fahrer rittlings sitzen und mit einem Lenker steuern muss.
- Dies würde sogenannte „Autocycles“ wie den Polaris Slingshot und Morgan Super 3 faktisch illegal machen.
- Die Industrie warnt vor Werksschließungen, dem Verlust tausender Arbeitsplätze und erheblichen finanziellen Einbußen.
Ein umstrittener Definitionswechsel
Ein Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses hat den Gesetzentwurf H.R. 3385 zur weiteren Abstimmung freigegeben. Kern des Vorschlags ist eine präzisere Definition des Begriffs „Motorrad“. Bisher galt auf Bundesebene eine einfache Regelung: Ein Motorrad ist ein Kraftfahrzeug mit eigenem Antrieb, einem Sitz oder Sattel und nicht mehr als drei Rädern.
Der neue Entwurf, der von vier republikanischen Abgeordneten unterstützt wird, fügt entscheidende Kriterien hinzu. Zukünftig soll ein Motorrad ein Fahrzeug sein, bei dem der Fahrer rittlings auf einem Sitz oder Sattel sitzt und die Steuerung über einen Lenker erfolgt. Auch Beschleunigung und Bremsen müssten über Bedienelemente am Lenker oder per Fuß gesteuert werden.
Was sind Autocycles?
Autocycles sind eine Nischenkategorie von dreirädrigen Fahrzeugen. Sie kombinieren Elemente von Autos und Motorrädern. Typischerweise haben sie Sitze nebeneinander, ein Lenkrad, Pedale und Sicherheitsgurte, werden aber rechtlich oft als Motorräder klassifiziert. Dies ermöglicht es Herstellern, weniger strenge Sicherheitsstandards als bei Pkw zu erfüllen.
Diese Modelle wären vom Markt verdrängt
Die vorgeschlagene Gesetzesänderung zielt direkt auf Fahrzeuge ab, die diese neuen Kriterien nicht erfüllen. Dazu gehören einige der bekanntesten dreirädrigen Fahrzeuge auf dem Markt:
- Polaris Slingshot: Eines der populärsten Modelle mit nebeneinanderliegenden Sitzen und einem Lenkrad.
- Morgan Super 3: Ein Fahrzeug im Retro-Design, das ebenfalls wie ein Auto gesteuert wird.
- Vanderhall-Modelle: Das gesamte Geschäftsmodell des Herstellers aus Utah basiert auf diesem Fahrzeugtyp.
- Campagna T-Rex: Ein weiteres bekanntes Autocycle, das von der Regelung betroffen wäre.
Sogar zukünftige Projekte wie das Solar-Elektroauto von Aptera könnten durch die neue Regelung gefährdet werden, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen. Klassische Trikes, wie sie beispielsweise von Harley-Davidson angeboten werden, wären hingegen nicht betroffen, da ihre Fahrer rittlings sitzen und einen Lenker benutzen.
Heftiger Widerstand aus der Industrie
Der Motorcycle Industry Council (MIC), ein Verband, der hunderte Unternehmen der Powersports-Branche vertritt, hat sich scharf gegen den Gesetzentwurf ausgesprochen. In einer Stellungnahme bezeichnete der MIC den Vorschlag nicht als „bloße administrative Anpassung“, sondern als ein „faktisches Verbot eines etablierten und erfolgreichen Marktsegments“.
„Diese Änderung würde zu sofortigen Werksschließungen, dem Verlust qualifizierter Arbeitsplätze in Fertigung und Entwicklung sowie zu erheblichen Umsatzeinbußen bei Händlern in allen 50 Bundesstaaten führen.“
Wirtschaftliche Auswirkungen
Die wirtschaftlichen Folgen wären erheblich. Allein Polaris beschäftigt direkt 8.000 Mitarbeiter in den USA. Obwohl das Unternehmen in verschiedenen Segmenten tätig ist und ein Verbot überleben könnte, wäre der Schaden immens. Kleinere Spezialhersteller wie Vanderhall Motor Works mit rund 200 Mitarbeitern stünden vor dem Aus. Der MIC schätzt den jährlichen Umsatz des Autocycle-Segments auf mehrere hundert Millionen Dollar.
Unsichere Zukunft für Besitzer
Die Konsequenzen des Gesetzes würden sich nicht nur auf Hersteller und Händler beschränken. Zehntausende Menschen, die bereits ein solches Fahrzeug besitzen, könnten ebenfalls betroffen sein. Viele US-Bundesstaaten orientieren sich bei der Fahrzeugklassifizierung an der Bundesdefinition.
Sollte das Gesetz verabschiedet werden, könnten laut MIC „Zehntausende aktueller Autocycle-Zulassungen“ für ungültig erklärt werden. Die Besitzer hätten dann teure Fahrzeuge, die sie legal nicht mehr auf öffentlichen Straßen bewegen dürften.
Der weitere Weg des Gesetzes
Der Gesetzentwurf wurde vor fast einem Jahr eingebracht und hat nun eine erste Hürde im Unterausschuss genommen. Er wird als Nächstes dem vollständigen Energie- und Handelsausschuss zur Abstimmung vorgelegt. Bis zur möglichen Unterzeichnung durch den Präsidenten ist es noch ein langer Weg mit vielen parlamentarischen Schritten.
Dennoch sehen Branchenvertreter die Notwendigkeit, den Entwurf so früh wie möglich zu stoppen, um einen potenziell verheerenden Schaden für eine ganze Fahrzeugnische und die damit verbundenen Arbeitsplätze abzuwenden. Die genauen Absichten der Gesetzesinitiatoren sind noch unklar, Anfragen an das Büro des Abgeordneten Derrick Van Orden blieben bisher unbeantwortet.




