Die britische Regierung erwägt die Einführung einer neuen Steuer für Elektrofahrzeuge, die sich nach den gefahrenen Kilometern richtet. Dieser Schritt soll den erwarteten Einnahmeverlust aus der Kraftstoffsteuer ausgleichen, der durch den wachsenden Anteil von E-Autos auf den Straßen entsteht. Kritiker befürchten jedoch, dass eine solche Abgabe den Umstieg auf Elektromobilität verlangsamen könnte.
Die Diskussion um eine nutzungsbasierte Besteuerung von Fahrzeugen ist nicht neu, gewinnt aber an Dringlichkeit, da die Einnahmen aus der traditionellen Kraftstoffsteuer, die derzeit rund 24,4 Milliarden Pfund pro Jahr betragen, in den kommenden Jahren sinken werden. Ab 2030 ist der Verkauf neuer reiner Benzin- und Dieselfahrzeuge in Großbritannien verboten.
Wichtige Fakten
- Die Regierung prüft eine kilometerabhängige Abgabe für Elektroautos, um Steuerausfälle zu kompensieren.
- Ein Vorschlag sieht eine Gebühr von etwa 3 Pence pro Meile (ca. 1,6 Kilometer) vor.
- Kritiker warnen vor negativen Auswirkungen auf die Akzeptanz von E-Fahrzeugen und verweisen auf Erfahrungen in anderen Ländern.
- Die Debatte dreht sich um die Notwendigkeit einer fairen Besteuerung und die Förderung der Verkehrswende.
Hintergrund der geplanten Steuerreform
Der Übergang zur Elektromobilität stellt die öffentlichen Finanzen vor eine große Herausforderung. Die Kraftstoffsteuer, eine wichtige Einnahmequelle für den Staat, ist direkt an den Verbrauch von Benzin und Diesel gekoppelt. Da Elektroautos keinen dieser Kraftstoffe benötigen, entfällt diese Steuer für ihre Nutzer vollständig.
Um diese Lücke zu schließen, wird eine direkte Straßenbenutzungsgebühr diskutiert. Ein konkreter Vorschlag, der in politischen Kreisen kursiert, sieht eine Abgabe von etwa 3 Pence pro gefahrener Meile vor. Dies könnte ab 2028 eingeführt werden und würde eine grundlegende Änderung der Kfz-Besteuerung bedeuten.
Das Problem der sinkenden Steuereinnahmen
Die Kraftstoffsteuer ist seit Jahrzehnten eine stabile Einnahmequelle. Mit dem Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2030 wird diese Quelle jedoch versiegen. Die Regierung sucht nach einem neuen System, das die Einnahmen sichert und gleichzeitig fair für alle Verkehrsteilnehmer ist. Eine kilometerbasierte Abrechnung gilt als eine der wahrscheinlichsten Optionen, um die Besteuerung an die tatsächliche Straßennutzung zu koppeln.
Wie die neue Steuer funktionieren könnte
Die genaue Umsetzung ist noch unklar. Denkbar wäre eine jährliche Selbstauskunft der Fahrzeughalter über die zurückgelegte Strecke. Eine andere Möglichkeit wäre die Erfassung des Kilometerstandes bei der jährlichen technischen Fahrzeuginpektion (MOT), dem britischen Äquivalent zur Hauptuntersuchung.
Für einen durchschnittlichen E-Auto-Fahrer in Großbritannien, der laut Verkehrsministerium etwa 8.900 Meilen (ca. 14.300 Kilometer) pro Jahr zurücklegt, würde eine Gebühr von 3 Pence pro Meile eine jährliche Belastung von rund 267 Pfund (etwa 315 Euro) bedeuten. Bei den derzeit 1,4 Millionen registrierten Elektrofahrzeugen im Land könnten so anfänglich etwa 375 Millionen Pfund pro Jahr eingenommen werden.
Sorgen der Industrie und Verbraucher
Obwohl die Notwendigkeit einer Steuerreform anerkannt wird, äußern Automobilhersteller, Wirtschaftsverbände und Verbraucherschützer Bedenken hinsichtlich des Zeitpunkts und der Ausgestaltung der neuen Abgabe. Die größte Sorge ist, dass eine zusätzliche Steuer potenzielle Käufer abschrecken und die Klimaziele des Landes gefährden könnte.
Das Beispiel Neuseeland
Ein warnendes Beispiel liefert Neuseeland. Dort wurde eine bereits für Dieselfahrzeuge bestehende Straßenbenutzungsgebühr auf Elektroautos ausgeweitet, während gleichzeitig Kaufanreize und Steuerbefreiungen gestrichen wurden. Die Folge war ein drastischer Einbruch bei den Verkaufszahlen von E-Autos: Ihr Marktanteil fiel von einem Höchststand von 19 % auf nur noch 4 %.
Industrievertreter betonen, dass die Regierung eine klare und unterstützende Botschaft für den Umstieg auf Elektromobilität senden muss. „Alles, was diese Botschaft trübt – wie zum Beispiel mit der einen Hand eine Prämie zu geben und mit der anderen eine Kilometersteuer einzuführen – untergräbt die Klarheit für den Verbraucher“, so Tanya Sinclair, Geschäftsführerin des Branchenverbands Electric Vehicles UK.
Die Kostenfalle beim öffentlichen Laden
Ein weiterer kritischer Punkt ist die bereits bestehende Kostenungleichheit. Während das Laden zu Hause relativ günstig ist, sind die Preise an öffentlichen Ladesäulen deutlich höher. Auf den Strom an öffentlichen Säulen wird zudem ein Mehrwertsteuersatz von 20 % erhoben, während für Haushaltsstrom ein reduzierter Satz gilt.
„Wenn Sie nicht auf günstiges Laden zu Hause angewiesen sein können und das öffentliche Ladenetz nutzen müssen, kostet Sie der Betrieb Ihres E-Autos pro Meile für viele Menschen mehr als bei einem Benziner.“
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Diese Diskrepanz wird von Experten als „politische Zeitbombe“ bezeichnet, da sie eine soziale Spaltung zwischen Hausbesitzern mit eigener Lademöglichkeit und Mietern oder Bewohnern von Mehrfamilienhäusern verschärft, die auf die teurere öffentliche Infrastruktur angewiesen sind.
Die Suche nach einem fairen System
Die Debatte über die Zukunft der Kfz-Besteuerung ist komplex. Einerseits muss die Finanzierung der Infrastruktur gesichert werden. Andererseits darf die Energiewende im Verkehrssektor nicht ausgebremst werden.
Einige Experten schlagen alternative Modelle vor. Die Denkfabrik Resolution Foundation empfiehlt eine Abgabe, die sowohl auf den gefahrenen Kilometern als auch auf dem Fahrzeuggewicht basiert und nur für zukünftig verkaufte E-Autos gelten soll. Dies würde bestehende Besitzer schützen und den Übergang sanfter gestalten.
Eine andere, politisch jedoch unpopuläre Option wäre die Anhebung der seit 15 Jahren eingefrorenen Kraftstoffsteuer. Dies würde den Kostenvorteil von Elektroautos gegenüber Verbrennern aufrechterhalten und den Umstieg weiter attraktiv machen.
Letztendlich steht die Regierung vor der Aufgabe, ein System zu entwickeln, das fair, transparent und zukunftssicher ist. Die kommenden Haushaltsdebatten werden zeigen, welchen Weg Großbritannien einschlagen wird, um die Mobilität von morgen zu besteuern, ohne die Fortschritte von heute zu gefährden.




