In der Tesla Gigafactory Berlin in Grünheide kam es zu einem schwerwiegenden Zwischenfall. Tesla hat Strafanzeige erstattet und die Polizei gerufen, nachdem ein externer Vertreter der IG Metall beschuldigt wurde, eine Betriebsratssitzung heimlich aufgezeichnet zu haben. Die Polizei beschlagnahmte den Laptop des Betroffenen. Dieser Vorfall ereignet sich nur drei Wochen vor den Betriebsratswahlen, die die Zukunft des Werks maßgeblich beeinflussen könnten.
Wichtige Erkenntnisse
- Tesla erstattet Strafanzeige wegen mutmaßlicher Aufnahme einer Betriebsratssitzung.
- Die IG Metall weist die Vorwürfe als „dreiste und kalkulierte Lüge“ zurück.
- Der Vorfall geschieht kurz vor den Betriebsratswahlen in Grünheide.
- Die Gigafactory Berlin steht unter wachsendem Druck durch sinkende Verkaufszahlen und Jobabbau.
Spannungen eskalieren in Grünheide
Der jüngste Vorfall markiert eine deutliche Eskalation im angespannten Verhältnis zwischen Tesla und der einflussreichen Industriegewerkschaft IG Metall. Die Gigafactory Berlin ist Teslas einziges europäisches Werk und seit ihrer Eröffnung ein Brennpunkt der Auseinandersetzung um gewerkschaftliche Vertretung und Arbeitsbedingungen.
André Thierig, der Werksleiter von Tesla, äußerte sich auf X zu den Ereignissen. Er schrieb, ein externer Gewerkschaftsvertreter der IG Metall sei als Gast bei der Betriebsratssitzung anwesend gewesen und dabei ertappt worden, wie er das interne Treffen mit einem Laptop aufzeichnete. Thierig bezeichnete den Vorfall als „wirklich unfassbar“.
Faktencheck
- 11.000 Mitarbeiter: Die Anzahl der Mitarbeiter, die in drei Wochen einen neuen Betriebsrat wählen.
- 16 Sitze: Die Anzahl der Sitze, die die IG Metall Tesla Workers GFBB-Gruppe im aktuellen Betriebsrat hält.
- 39,4%: Der Stimmenanteil der IG Metall bei der letzten Betriebsratswahl.
Polizeiliche Ermittlungen eingeleitet
Nachdem der Gewerkschaftsvertreter Berichten zufolge die Herausgabe des Laptops an die Werksicherheit verweigerte, schaltete die Betriebsratsvorsitzende Michaela Schmitz die Behörden ein. Am Dienstagnachmittag traf die Polizei im Werk Grünheide ein und beschlagnahmte den Computer.
Nach deutschem Recht sind Betriebsratssitzungen streng vertraulich und nicht öffentlich. Eine unbefugte Aufzeichnung solcher Sitzungen stellt eine Straftat dar, da dort sensible Mitarbeiterangelegenheiten und interne Diskussionen behandelt werden. Tesla sieht in der mutmaßlichen Aufnahme einen gravierenden Verstoß gegen Vertraulichkeitsregeln.
„Was heute in der Giga Berlin passiert ist, ist wirklich unfassbar. Ein externer Gewerkschaftsvertreter der IG Metall nahm an einer Betriebsratssitzung teil. Aus unbekannten Gründen zeichnete er das interne Treffen auf und wurde dabei ertappt! Wir haben natürlich die Polizei gerufen und Strafanzeige erstattet!“, so Tesla-Werksleiter André Thierig.
Gegenwind von der IG Metall
Die IG Metall weist die Anschuldigungen vehement zurück. Die Gruppe „IG Metall Tesla Workers GFBB“, die mit 16 Sitzen die größte Fraktion im aktuellen Betriebsrat bildet, bezeichnete Teslas Darstellung als „dreiste und kalkulierte Lüge“. Die Gewerkschaft interpretiert den Vorfall als einen inszenierten Skandal, der darauf abzielt, das Ansehen der IG Metall vor den Wahlen vom 2. bis 4. März zu beschädigen.
Die Gewerkschaft kündigte rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen für diese „Schmierenkampagne“ an. Die Auseinandersetzung erreicht somit eine neue Dimension, die weit über die reine Arbeitsplatzpolitik hinausgeht und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte.
Hintergrund der Spannungen
Das Management von Tesla führt seit Monaten eine offene Kampagne gegen eine Mehrheit der IG Metall im Betriebsrat. Bereits im Dezember zog Thierig eine „rote Linie“ gegen die Forderung der Gewerkschaft nach einer 35-Stunden-Woche. Er warnte, dass die US-amerikanische Führung von Tesla die Expansionspläne für das Werk einstellen würde, falls die Wahlergebnisse zugunsten der IG Metall ausfielen.
Tesla veranstaltete sogar ein Konzert für die Mitarbeiter mit dem Rapper Kool Savas, ein Ereignis, das weithin als „cringe“-Gewerkschafts-Propaganda beschrieben wurde. Zudem kündigte das Unternehmen eine Gehaltserhöhung von 4 % an, ohne den Betriebsrat oder die Gewerkschaft einzubeziehen. Diese Maßnahmen zeigen eine klare Strategie, den Einfluss der Gewerkschaft im Werk zu minimieren.
Das Werk Grünheide unter Druck
Der Vorfall mit der mutmaßlichen Aufnahme ereignet sich nicht im luftleeren Raum. Die Gigafactory Berlin ist das einzige nicht-gewerkschaftlich organisierte Automobilwerk in Deutschland, und Tesla hat seit der Eröffnung des Werks darum gekämpft, diesen Status zu erhalten. Bei der Betriebsratswahl 2024 erhielt die IG Metall zwar die meisten Einzelstimmen, etwa 39,4 %, doch gewerkschaftslose Listen sicherten sich eine kombinierte Mehrheit der Sitze. Die Gewerkschaft organisiert sich, um dieses Ergebnis im März zu ändern.
Gleichzeitig schrumpft die Belegschaft des Werks. Ein Bericht von Handelsblatt bestätigte, dass Tesla im vergangenen Jahr rund 1.700 Arbeitsplätze in der Giga Berlin still und leise abgebaut hat. Die Mitarbeiterzahl sank von 12.415 auf 10.703, ein Rückgang von fast 14 %. Dies geschah, obwohl Werksleiter Thierig wiederholt jegliche Personalreduzierungen dementierte.
Schwieriges Marktumfeld
Das breitere Marktumfeld ist düster. Teslas europäische Verkäufe brachen im Jahr 2025 um 28 % ein, wobei Deutschland einen Rückgang von 48 % verzeichnete. Der Januar 2026 brachte einen weiteren brutalen Rückgang in wichtigen Märkten, mit einem Rückgang der Neuzulassungen um 44 % in fünf wichtigen europäischen Ländern.
Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte nordische Reputationsstudie listete Tesla unter 30 Unternehmen in Deutschland an letzter Stelle. Sie stellte den größten Reputationsverlust fest, der in über einem Jahrzehnt der Forschung jemals registriert wurde. Eine separate Umfrage ergab, dass 94 % der Deutschen den Kauf eines Tesla nicht in Betracht ziehen würden.
Die Giga Berlin verfügt derzeit über mehr Produktionskapazität, als für einen europäischen Markt benötigt wird, der die Marke aktiv ablehnt. Die Zukunft des Werks scheint ungewiss, unabhängig vom Ausgang der Betriebsratswahl.
Mögliche Konsequenzen und Ausblick
Der Ausgang dieses Vorfalls hängt vollständig davon ab, was die Ermittler auf dem beschlagnahmten Laptop finden. Sollten Beweise für eine unbefugte Aufzeichnung vorliegen, wäre dies ein ernsthafter Skandal für die IG Metall und könnte die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaft kurz vor der Wahl erheblich beschädigen.
Finden sich hingegen keine Beweise, die Teslas Behauptung stützen, hätte das Unternehmen die Polizei wegen eines unbegründeten Vorwurfs zu einer Betriebsratssitzung gerufen. Dies wäre ein außergewöhnlich aggressiver Schritt und würde der IG Metall ein starkes Argument für ihre Kampagne gegen Einschüchterung liefern.
Unabhängig davon, wer über die Ereignisse am Dienstag die Wahrheit sagt, ist das Gesamtbild kaum zu übersehen. Die Tesla-Führung hat monatelang Mitarbeiter mit Desinvestitionen gedroht, sollte "falsch" gewählt werden. Sie veranstaltete ein gewerkschaftsfeindliches Konzert, setzte eine Gehaltserhöhung durch, um den Betriebsrat zu umgehen, und stellte nun drei Wochen vor der Wahl eine Strafanzeige gegen einen Gewerkschaftsvertreter. Dies ist nicht das Verhalten eines Unternehmens, das darauf vertraut, die Belegschaft auf seiner Seite zu haben.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob jemand auf einem Laptop die Aufnahmetaste gedrückt hat. Es geht vielmehr darum, ob die Giga Berlin überhaupt eine tragfähige Zukunft hat. Angesichts des freien Falls der europäischen Verkäufe, des historischen Tiefstands des Markenrufs in Deutschland und der bereits still und leise abgebauten 1.700 Arbeitsplätze wirkt das Werk zunehmend redundant. Sollte die IG Metall die März-Wahl gewinnen, hat Tesla bereits die Ausrede für eine Rückführung der Produktion parat. Geht die Wahl verloren, bleibt das zugrunde liegende Nachfrageproblem bestehen. So oder so sind die rund 10.700 Mitarbeiter des Werks in einen Kampf verwickelt, der sehr wenig mit ihren Interessen zu tun hat.




