Die Automobilindustrie in Deutschland steht vor einer entscheidenden Herausforderung: Während die Zulassungszahlen für Neufahrzeuge im vergangenen Jahr die Zwei-Millionen-Marke überschritten haben, warnen Branchenvertreter, dass die derzeitigen hohen Rabatte auf Elektrofahrzeuge nicht langfristig tragbar sind. Diese Preisnachlässe sind notwendig, um die Verkaufsziele zu erreichen, gefährden jedoch die Rentabilität der Hersteller.
Wichtige Erkenntnisse
- Über 2 Millionen Neufahrzeuge wurden 2025 zugelassen, erstmals seit der Pandemie.
- Fast 500.000 davon waren Elektroautos, was einem Marktanteil von 23,4% entspricht.
- Branchenexperten bezeichnen Rabatte von über 5 Milliarden Euro im letzten Jahr als nicht nachhaltig.
- Es gibt eine wachsende Lücke zwischen Verbrauchernachfrage und staatlichen Zielen für emissionsfreie Fahrzeuge.
- Eine Überprüfung der ZEV-Mandatsziele wird von Herstellern gefordert, um mehr Planungssicherheit zu erhalten.
Neuwagenmarkt erholt sich, aber Elektroziele in Gefahr
Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland insgesamt 2.020.373 Neufahrzeuge registriert. Dies markiert das dritte Wachstumsjahr in Folge und den höchsten Wert seit Beginn der Pandemie. Trotz dieser Erholung liegt die Zahl noch deutlich unter den 2,3 Millionen Verkäufen von 2019. Die Elektromobilität spielte dabei eine wichtige Rolle. Insgesamt 473.340 Elektroautos fanden einen neuen Besitzer, was einem Marktanteil von 23,4 Prozent entspricht.
Diese Steigerung ist bemerkenswert, reicht jedoch nicht aus, um die ehrgeizigen staatlichen Ziele zu erfüllen. Die sogenannte Zero Emission Vehicles (ZEV) Mandate sehen vor, dass der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Gesamtzulassungen bis zu einem bestimmten Prozentsatz steigen muss. Für das letzte Jahr lag das Ziel bei 28 Prozent, welches knapp verfehlt wurde.
Faktencheck: ZEV-Mandat
Das ZEV-Mandat verpflichtet Autohersteller, einen bestimmten Anteil ihrer Verkäufe als emissionsfreie Fahrzeuge zu realisieren. Bei Nichterfüllung drohen hohe Strafen. Es gibt jedoch Flexibilitäten, wie Emissionsgutschriften von anderen Herstellern zu kaufen oder die Emissionen anderer Fahrzeuge in der Flotte zu senken, um Strafen zu vermeiden.
Rabatte von Milliardenhöhe
Um die Verkaufszahlen von Elektrofahrzeugen anzukurbeln und den Zielen näherzukommen, greifen viele Hersteller zu massiven Rabatten. Branchenschätzungen zufolge beliefen sich diese Preisnachlässe im letzten Jahr auf über 5 Milliarden Euro. Das entspricht durchschnittlich rund 11.000 Euro pro verkauftem Elektrofahrzeug. Diese Strategie ist aus Sicht der Branche jedoch nicht nachhaltig.
"Es erhöht die Anzahl der verkauften batterieelektrischen Fahrzeuge", erklärte Mike Hawes, Geschäftsführer der Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT). "Die Frage ist, zu welchem Preis?"
Die Hersteller sehen sich einem zunehmenden Druck ausgesetzt, da die Ziele für das laufende Jahr noch anspruchsvoller werden, mit einer angestrebten Quote von 33 Prozent. Die hohen Rabatte fressen die Margen auf und gefährden die langfristige Rentabilität der Unternehmen.
Forderung nach Überprüfung der Mandate
Angesichts dieser Entwicklung fordern die Automobilhersteller eine vorgezogene Überprüfung des ZEV-Mandats. Ursprünglich war diese für 2027 geplant. Die Branche argumentiert, dass sich die Rahmenbedingungen seit der Festlegung der Ziele erheblich verändert haben. Dazu gehören gestiegene Energiepreise und höhere Rohstoffkosten, die die Produktion von Elektrofahrzeugen zusätzlich verteuern.
Eurig Druce, Group Managing Director für Stellantis in Großbritannien, äußerte sich besorgt über die Diskrepanz zu anderen Märkten. Er forderte eine frühe Überprüfung, um Herstellern und Verbrauchern gleichermaßen Planungssicherheit zu geben.
Hintergrund: Subventionen und Steuern
Die Regierung hat in den letzten Jahren verschiedene Maßnahmen zur Förderung von Elektrofahrzeugen eingeführt, darunter das 2 Milliarden Pfund schwere Elektroauto-Zuschussprogramm, das bis zu 3.750 Pfund beim Kauf eines Elektrofahrzeugs bietet, sowie erhebliche Mittel für die Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig wurden jedoch Pläne für eine streckenbasierte Steuer auf Elektrofahrzeuge angekündigt, um Einnahmeverluste aus der Kraftstoffsteuer auszugleichen. Das Office for Budget Responsibility schätzt, dass die Anreize zwar 320.000 zusätzliche Verkäufe generieren könnten, die neue Steuer jedoch 440.000 Verkäufe reduzieren würde, was zu einem Nettoverlust von 120.000 Verkäufen führt.
Verbrauchervertrauen und politische Botschaften
Trotz der gestiegenen Verkaufszahlen zeigen Umfragen, dass viele potenzielle Käufer noch Vorbehalte gegenüber Elektrofahrzeugen haben. Ginny Buckley, Geschäftsführerin der Verbraucherberatungsseite Electrifying.com, betont, dass der Übergang von einem Viertel zu einem Drittel der Neuwagenverkäufe bis Ende des Jahres nicht allein durch den Schwung geschehen wird. Käufer benötigen Vertrauen, klare Botschaften und politische Stabilität.
Die Einführung einer speziellen Steuer auf Elektrofahrzeuge sendet laut Branchenvertretern ein widersprüchliches Signal an die Verbraucher. Ein technologischer Wandel dieser Größenordnung erfordert konsistente, kohärente und überzeugende Botschaften sowie entsprechende Unterstützung. Transportminister Keir Mather hob hervor, dass die staatlichen Investitionen die Akzeptanz von Elektrofahrzeugen vorantreiben, mit einem Anstieg von fast 24 Prozent im Jahresvergleich.
- Ein Viertel aller Neuzulassungen sind mittlerweile Elektrofahrzeuge.
- Fast eine halbe Million neue Elektrofahrzeuge sind seit 2024 auf den Straßen.
Der Markt für Elektrofahrzeuge zeigt trotz der Herausforderungen ein starkes Wachstum. Doch die Notwendigkeit hoher Rabatte und die Unsicherheit durch wechselnde politische Maßnahmen könnten den Übergang zur Elektromobilität verlangsamen. Die Branche fordert daher eine Neuausrichtung der Strategie, um langfristig sowohl Umweltziele als auch wirtschaftliche Stabilität zu gewährleisten.




