Der Automobilkonzern Stellantis bereitet sich darauf vor, diese Woche seinen ersten jährlichen Betriebsverlust seit der Gründung zu melden. Die Ursache liegt in einer kostspieligen Neuausrichtung der Elektrofahrzeugstrategie, die das Unternehmen mit Milliarden Euro belastet.
Wichtige Fakten
- Stellantis erwartet für 2025 den ersten Betriebsverlust seit der Fusion 2021.
- Die Reduzierung der Elektrifizierungspläne verursacht geschätzte Kosten von 22 Milliarden Euro.
- Für die zweite Jahreshälfte wird ein operativer Verlust von 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro prognostiziert.
- Der neue CEO Antonio Filosa verspricht eine Rückkehr zur Profitabilität für das Jahr 2026.
Ein teurer Kurswechsel
Der Automobilriese Stellantis, zu dem Marken wie Opel, Peugeot, Fiat und Jeep gehören, steht vor einer erheblichen finanziellen Herausforderung. Nach einem Gewinn von 500 Millionen Euro in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 rechnet das Management nun mit einem drastischen Umschwung. Für die zweite Jahreshälfte wird ein bereinigter operativer Verlust zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Euro erwartet.
Sollte sich diese Prognose bewahrheiten, wäre es der erste Jahresverlust für den Konzern, der 2021 aus der Fusion der PSA-Gruppe und Fiat Chrysler Automobiles hervorgegangen ist. Dieser Schritt markiert einen Wendepunkt für ein Unternehmen, das bisher für seine Profitabilität bekannt war.
Milliardenkosten für Strategieänderung
Die Hauptursache für die finanziellen Schwierigkeiten ist die Drosselung der ambitionierten Elektroauto-Pläne. Die Kosten für diese Neuausrichtung werden auf eine Summe von rund 22 Milliarden Euro (entspricht 26 Milliarden US-Dollar) geschätzt. Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß der Investitionen, die nun neu bewertet werden müssen.
Branchentrend statt Einzelschicksal
Stellantis ist mit diesen Problemen nicht allein. Die gesamte Automobilindustrie kämpft mit der Kalibrierung ihrer Elektrifizierungsstrategien. Auch Konkurrenten wie General Motors und Ford haben in jüngster Vergangenheit hohe Verluste im Zusammenhang mit ihren Elektrofahrzeug-Programmen gemeldet.
Die langsamere als erwartete Annahme von E-Autos durch die Verbraucher, hohe Entwicklungskosten und ein unsicheres regulatorisches Umfeld zwingen viele Hersteller, ihre Zeitpläne und Produktportfolios zu überdenken. Die Anpassung an die tatsächliche Marktnachfrage erweist sich als kostspieliger und komplexer als ursprünglich angenommen.
Wer ist Stellantis?
Stellantis entstand 2021 durch den Zusammenschluss der französischen PSA-Gruppe (Peugeot, Citroën, DS, Opel) und des italienisch-amerikanischen Konzerns Fiat Chrysler Automobiles (Fiat, Chrysler, Jeep, Ram, Alfa Romeo, Maserati). Mit insgesamt 14 Marken ist Stellantis einer der größten Automobilhersteller der Welt.
Neuer Chef, neue Hoffnung
Inmitten dieser turbulenten Phase gab es auch einen Wechsel an der Unternehmensspitze. Ende 2024 übernahm Antonio Filosa den Posten des CEO von Carlos Tavares, der den Konzern durch die Fusion geführt hatte. Der Führungswechsel erfolgte vor dem Hintergrund wachsenden finanziellen Drucks und stagnierender Verkaufszahlen.
Trotz der düsteren Aussichten für das laufende Jahr gibt sich der neue Firmenchef optimistisch. Gegenüber Investoren äußerte sich Filosa zuversichtlich, dass das Unternehmen bereits im Jahr 2026 wieder in die Gewinnzone zurückkehren wird.
"Stellantis wird 2026 wieder einen Gewinn ausweisen", erklärte CEO Antonio Filosa kürzlich vor Investoren und versuchte damit, die Märkte zu beruhigen und einen klaren Weg für die Zukunft aufzuzeigen.
Weitere Herausforderungen für den Konzern
Die Anpassung der E-Auto-Strategie ist nur eine von mehreren Baustellen für das Management. Der Konzern sieht sich mit einer Reihe weiterer strategischer Fragen konfrontiert, die seine zukünftige Ausrichtung bestimmen werden.
Rückkehr zum Diesel und Markenkonsolidierung
Überraschend kündigte das Unternehmen an, aufgrund von "Kundennachfrage" wieder verstärkt auf Dieselmotoren zu setzen. Dies steht im Kontrast zur ursprünglichen, stark auf Elektrifizierung ausgerichteten Kommunikation und zeigt die Bereitschaft, kurzfristig auf Marktbedürfnisse zu reagieren.
Gleichzeitig herrscht intern offenbar Unklarheit darüber, wie mit dem riesigen Portfolio von 14 Marken umgegangen werden soll. Die Entscheidung, welche Marken erhalten, gestärkt oder möglicherweise sogar aufgegeben werden, ist eine zentrale strategische Aufgabe für die kommenden Jahre. Kritiker, darunter auch Händler, hatten dem früheren Management vorgeworfen, Stellantis zu einem "langweiligen Transportunternehmen" gemacht zu haben, dem eine klare Vision fehle.
Widerstand gegen politische Vorgaben
Zusätzlich positioniert sich Stellantis kritisch gegenüber den regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa. Der Konzern hat sich offen gegen das von der EU geplante Verbot für Verbrennungsmotoren ab 2035 ausgesprochen. Diese Haltung verdeutlicht den Konflikt zwischen den politischen Zielen zur Emissionsreduzierung und den wirtschaftlichen Realitäten, mit denen sich die Automobilhersteller konfrontiert sehen.
Die kommenden Monate werden entscheidend sein, um zu sehen, ob die von CEO Antonio Filosa eingeleiteten Maßnahmen greifen und Stellantis den Weg zurück zu nachhaltiger Profitabilität finden kann. Die Bilanz für 2025 wird jedoch als Mahnung in die junge Firmengeschichte eingehen, wie schnell sich strategische Wetten in der Automobilindustrie ändern können.




