Der chinesische Elektroautohersteller Nio hat einen bedeutenden Meilenstein erreicht und weltweit über 100 Millionen Batteriewechsel an seinen spezialisierten Stationen durchgeführt. Zur Feier dieses Erfolgs veröffentlichte das Unternehmen einen Werbespot, der die eigene Technologie direkt mit der Ladeerfahrung von Tesla-Fahrern vergleicht und damit die Debatte über die beste Methode zum „Auftanken“ von E-Autos neu entfacht.
Wichtige Erkenntnisse
- Nio hat die Marke von 100 Millionen durchgeführten Batteriewechseln überschritten.
- Ein neuer Werbespot zeigt die Vorteile des schnellen Wechsels gegenüber dem herkömmlichen Laden bei Tesla.
- Trotz des Erfolgs in China verläuft die Expansion des Netzwerks, insbesondere in Europa, langsamer als geplant.
- Der Batteriegigant CATL entwickelt sich mit einem schnelleren und offeneren System zu einem ernsthaften Konkurrenten.
Ein Meilenstein mit einer klaren Botschaft
Nio hat seine Position als Pionier der Batteriewechseltechnologie gefestigt. Mit dem Erreichen von 100 Millionen Wechselvorgängen demonstriert das Unternehmen die technische Reife und die Akzeptanz seines Konzepts bei den Kunden. Seit der Eröffnung der ersten Station im Mai 2018 hat sich das Netzwerk stetig vergrößert, insbesondere auf dem chinesischen Heimatmarkt.
Um diesen Erfolg zu unterstreichen, hat Nio einen 90-sekündigen Werbespot veröffentlicht. Die Handlung ist einfach, aber wirkungsvoll: Ein Tesla-Fahrer wartet an einer Ladesäule, während nebenan ein Nio-Fahrer in weniger als drei Minuten eine voll geladene Batterie erhält und seine Fahrt fortsetzt. Die Botschaft zielt direkt auf einen der größten Kritikpunkte bei Elektroautos ab – die langen Ladezeiten.
Zwei Philosophien: Akkutausch gegen Supercharger
Der direkte Vergleich mit Tesla ist kein Zufall. Interessanterweise hatte Tesla selbst bereits im Juni 2013 eine eigene Batteriewechseltechnologie vorgestellt. Damals demonstrierte CEO Elon Musk, wie ein Akku eines Model S in nur 90 Sekunden getauscht werden konnte – schneller als ein herkömmlicher Tankvorgang. Eine Pilotstation wurde 2014 in Kalifornien eröffnet.
Doch schon 2015 gab Tesla das Projekt wieder auf. Musk erklärte später, dass die Kunden das Supercharging-Netzwerk bevorzugten. Das Unternehmen konzentrierte seine Ressourcen vollständig auf den Ausbau dieses Netzwerks, das heute weltweit mehr als 77.000 Ladepunkte umfasst.
Das "Battery-as-a-Service"-Modell
Nios Strategie basiert auf dem sogenannten „Battery-as-a-Service“ (BaaS). Kunden kaufen das Fahrzeug ohne Batterie und mieten diese stattdessen. Dies senkt nicht nur den Anschaffungspreis, sondern ermöglicht auch den flexiblen Wechsel zwischen verschiedenen Batteriegrößen, je nach aktuellem Bedarf. An den Wechselstationen wird der leere Akku vollautomatisch durch einen geladenen ersetzt.
Nio verfolgte den entgegengesetzten Weg und baute die Wechseltechnologie zum Kern seiner Marke aus. Das Unternehmen sieht darin die Lösung für die „Reichweitenangst“ und eine Möglichkeit, die Kosten für den Einstieg in die Elektromobilität zu senken.
Das globale Netzwerk in Zahlen
Die Zahlen belegen Nios Engagement, zumindest in China. Laut Unternehmensangaben betreibt Nio dort 3.729 Batteriewechselstationen und über 28.000 herkömmliche Ladepunkte. Die tägliche Nutzung ist beeindruckend: Im Durchschnitt werden über 100.000 Wechsel pro Tag durchgeführt.
Rekordtag im Oktober
Der bisherige Rekord wurde während der chinesischen Nationalfeiertagswoche im Oktober aufgestellt. An einem einzigen Tag wurden 145.820 Batteriewechsel registriert. Dies zeigt, wie intensiv das System bei hohem Reiseaufkommen genutzt wird.
Europas zögerliche Expansion
Während das Netzwerk in China floriert, sieht die Situation in Europa anders aus. Von den über 100 Millionen Wechselvorgängen fanden nur etwa 250.000 in Europa statt, was einem Anteil von lediglich 0,25 % entspricht. Aktuell betreibt Nio 60 Stationen in fünf europäischen Märkten. Eine Station in Dänemark wurde sogar wieder geschlossen.
Die Expansion verläuft deutlich langsamer als ursprünglich geplant. Die Entscheidung über den Aufbau von Wechselstationen in neuen Märkten wird den lokalen Vertriebspartnern überlassen, von denen bisher keiner konkrete Pläne angekündigt hat.
Wachstum mit Hindernissen und neuen Plänen
Nio musste seine ambitionierten Ziele bereits nach unten korrigieren. Ursprünglich wollte das Unternehmen bis Ende 2025 weltweit über 4.000 Wechselstationen betreiben, davon rund 1.000 außerhalb Chinas. Diese Ziele erwiesen sich als unrealistisch.
Für das Jahr 2026 hat CEO William Li in einem internen Schreiben neue, aber immer noch ehrgeizige Ziele formuliert: Über 1.000 neue Stationen sollen hinzukommen, sodass die Gesamtzahl auf mehr als 4.600 ansteigt. Die aktuelle vierte Generation der Stationen, die einen Wechsel in 144 Sekunden ermöglicht, wird jedoch langsamer ausgebaut. Der Grund: Sie sind nicht mit den neuen Batteriegrößen der kommenden Sub-Marken Onvo und Firefly kompatibel.
Die Hoffnung liegt nun auf der fünften Generation von Wechselstationen. Diese werden derzeit in China getestet und sollen im zweiten Quartal in die Massenproduktion gehen. Details zu Geschwindigkeit und Kapazität sind jedoch noch nicht bekannt.
Der Wettbewerb schläft nicht: CATL greift an
Nio ist nicht mehr allein auf dem Feld. Der Batteriegigant CATL hat sein eigenes Wechsel-Ökosystem namens „Choco-Swap“ gestartet und verfolgt dabei einen offeneren Ansatz. Anstatt ein geschlossenes System für die eigene Marke zu schaffen, arbeitet CATL von Anfang an mit mehreren Autoherstellern zusammen.
Zu den ersten Partnern gehören:
- GAC mit dem Aion S
- Hongqi mit dem E-QM5
- SAIC mit dem Roewe D7
CATLs System ist zudem deutlich schneller. Ein Batteriewechsel dauert nur 70 bis 80 Sekunden – fast halb so lang wie bei Nios aktueller Technologie. Auch das Expansionstempo ist hoch. CATL plant, innerhalb von zwei Jahren rund 3.000 Stationen zu errichten. Zum Vergleich: Nio hat für seine rund 3.600 Stationen sieben Jahre gebraucht. Der Wettbewerb um die Vorherrschaft bei der Batteriewechseltechnologie hat gerade erst begonnen.




