Der Markt für Elektrofahrzeuge in Südamerika erlebt einen bemerkenswerten Aufschwung, der primär von erschwinglichen Modellen chinesischer Hersteller angetrieben wird. Während etablierte Marken wie Tesla weiterhin eine Nische besetzen, dominieren chinesische Unternehmen mit aggressiven Preisstrategien und lokalen Partnerschaften zunehmend das Geschäft. Dies führt zu einer raschen Elektrifizierung des Kontinents, obwohl Infrastrukturherausforderungen bestehen bleiben.
Wichtige Erkenntnisse
- Chinesische Elektrofahrzeuge sind der Haupttreiber des Wachstums in Südamerika.
- Marken wie BYD, Geely und GWM bieten Modelle zu etwa 60% des Preises eines Tesla an.
- Der chinesische Hafen Chancay in Peru halbiert die Transportzeiten und fördert Exporte.
- Die Marktdurchdringung von Elektrofahrzeugen in Lateinamerika hat sich 2024 verdoppelt.
- Uruguay und Chile verzeichnen Rekordwerte bei der Akzeptanz von E-Fahrzeugen.
Chinesische Hersteller dominieren den Markt
In den letzten Jahren hat sich Südamerika zu einem wichtigen Wachstumsmarkt für Elektrofahrzeuge entwickelt. Überraschenderweise wird dieser Boom nicht von den bekannten westlichen Marken angeführt, sondern von chinesischen Herstellern. Unternehmen wie BYD, Geely und GWM bieten eine breite Palette von Elektrofahrzeugen zu deutlich günstigeren Preisen an, was sie für die südamerikanischen Verbraucher attraktiv macht.
Ein typisches chinesisches Elektrofahrzeug kostet in Peru etwa 60 Prozent des Preises eines Tesla Model 3. Diese Preisdifferenz ist ein entscheidender Faktor für die schnelle Akzeptanz. Während Tesla bisher noch keine offiziellen Ausstellungsräume in vielen südamerikanischen Ländern besitzt, bauen chinesische Marken ihre Präsenz aggressiv aus.
Faktencheck
- Preise: Chinesische E-Fahrzeuge kosten in Peru rund 60% eines Tesla.
- Wachstum: Der Absatz von Hybrid- und Elektrofahrzeugen in Peru stieg in den ersten neun Monaten des Jahres um 44% im Vergleich zum Vorjahr.
- Marktanteil Chile: Chinesische Marken erreichten im ersten Quartal dieses Jahres 29,6% aller Neuwagenverkäufe in Chile.
Luis Zwiebach, ein peruanischer Unternehmer im Bereich grüne Energie, musste 2019 noch 4.000 Meilen nach Kalifornien fliegen, um einen Tesla Model 3 Probe zu fahren. Die Importverfahren waren komplex. Er fand schließlich einen Weg über einen privaten Importeur. Heute ist die Situation anders.
„Heute ist es nicht mehr so schwer, ein Elektrofahrzeug in Peru zu kaufen. Obwohl Tesla noch keinen Showroom hat, gibt es einen Zustrom chinesischer Modelle“, berichtet Zwiebach aus Lima.
Er selbst ist ein Beispiel für die wachsende Nachfrage und hat sein Geschäft erweitert, um Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge anzubieten. Sogar Immobilienentwickler fragen inzwischen nach Ladestationen für ihre Projekte. „Ein Bauträger sagte mir, er würde das Penthouse kaufen, wenn es mit einem Autoladegerät geliefert würde“, so Zwiebach.
Der Hafen Chancay als Katalysator
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg chinesischer Hersteller ist die Eröffnung des Hafens Chancay in Peru im letzten Jahr. Dieser von China gebaute Mega-Hafen nördlich von Lima hat die trans-pazifischen Versandzeiten halbiert. Dies kommt chinesischen Herstellern zugute, die in den USA mit zunehmenden Handelsbarrieren und in Europa mit strengeren Beschränkungen konfrontiert sind.
Hintergrund: Chinas Strategie
Chinesische Autohersteller stehen im eigenen Land vor einem intensiven Preiskampf und einem Überschuss an Neuwagen. Ein Großteil dieser Überproduktion wird in Überseemärkte wie den Nahen Osten, Zentralasien und Lateinamerika exportiert. Der Hafen Chancay spielt eine Schlüsselrolle in dieser globalen Exportstrategie.
Gonzalo Rios, stellvertretender Manager bei Cosco Shipping, dem Betreiber des Hafens, erklärt: „Jedes Schiff bringt 800 bis 1.200 Fahrzeuge.“ Cosco erwartet bis Ende des Jahres insgesamt 19.000 Fahrzeugankünfte aus China. Der Hafen dient nicht nur Peru, sondern auch als regionales Distributionszentrum. Bereits im September wurden 250 Autos nach Chile verschifft, und weitere Lieferungen in Länder wie Ecuador und Kolumbien sind geplant.
Peruanische Zolldaten zeigen, dass im Juli 3.057 Autos im Hafen ankamen, verglichen mit 839 im Januar. Diese Zahlen unterstreichen die wachsende Bedeutung des Hafens für den Import chinesischer Fahrzeuge in die Region.
Starkes Wachstum und lokale Partnerschaften
Die Marktdurchdringung von Elektrofahrzeugen in Lateinamerika, einschließlich Mexiko und Zentralamerika, hat sich 2024 auf rund 4 Prozent verdoppelt. Dies geht aus dem Global EV Outlook 2025 der Internationalen Energieagentur hervor. Dieser Anstieg wird durch staatliche Anreize und das Angebot erschwinglicher chinesischer Modelle gefördert.
Aktuelle Zahlen belegen Rekordwerte: Im September erreichten Elektrofahrzeuge in Chile einen Marktanteil von 10,6 Prozent der Neuzulassungen. In Brasilien waren es im August 9,4 Prozent und in Uruguay im dritten Quartal sogar 28 Prozent.
- Uruguay: BYD ist der drittgrößte Verkäufer aller Fahrzeugtypen, nur hinter Chevrolet und Hyundai. Der Marktanteil Chinas hat sich seit 2023 auf 22% mehr als verdoppelt.
- Argentinien: Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten und höherer Handelsbarrieren steigen die EV-Verkäufe. BYD startete im Oktober erstmals in Argentinien.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor für chinesische Unternehmen ist die Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen lokalen Importeuren. Dies ermöglicht es ihnen, Modelle anzubieten, die auf regionale Vorlieben zugeschnitten sind und gleichzeitig erschwinglich bleiben. Gonzalo Elgorriaga, ein Luxusautohändler in Punta del Este, Uruguay, verkauft nun hauptsächlich BYD-Modelle, obwohl er auch europäische und japanische Marken im Angebot hat.
„Die Chinesen haben zuerst zugeschlagen und hart zugeschlagen“, sagt Elgorriaga. „Sie haben bereits bewiesen, dass sie globale Qualitätsstandards erfüllen.“
Die Preise für chinesische Batteriefahrzeuge (BEV) von BYD beginnen in Uruguay bei etwa 19.000 US-Dollar. Diese wettbewerbsfähigen Preise sind entscheidend für ihre Attraktivität.
Herausforderungen und Ausblick
Trotz des rasanten Wachstums stehen die Elektromobilität in Südamerika noch vor Hürden. Dazu gehören die großen Entfernungen und die ungleichmäßige Ladeinfrastruktur. „Wenn man die gesamte peruanische Küste von Tumbes bis Tacna bereisen möchte, ist das schwierig“, bemerkt Luis Zwiebach.
Dennoch überwiegen für viele Verbraucher die Vorteile. „Das Auto kostet weniger im Betrieb und muss nie zur Werkstatt“, fügt Zwiebach hinzu.
In Brasilien, dem größten Automarkt Südamerikas, versuchen einige chinesische Firmen, lokale Produktionsstätten aufzubauen, um von Zollvorteilen zu profitieren. BYD hat im Oktober mit der Montage von Elektrofahrzeugen in einem ehemaligen Ford-Werk in Bahia begonnen, während Great Wall Motors (GWM) im August eine Teilproduktion in einer umgebauten Mercedes-Benz-Anlage startete.
Ricardo Bastos, Direktor für institutionelle Angelegenheiten bei GWM Brasilien, betont die strategische Bedeutung: „Brasilien war das dritte Land, das nach Russland und Thailand eine (GWM)-Fabrik erhielt – das ist eine strategische Entscheidung, die die Stärke Lateinamerikas zeigt.“ GWM plant, ab 2027 Fahrzeuge aus seiner brasilianischen Fabrik in die Region zu exportieren.
Zahlen zum Wachstum
- Marktanteil Uruguay: 22% für chinesische Marken, mehr als verdoppelt seit 2023.
- EV-Marktanteil Chile (September): 10,6% der Neuzulassungen.
- EV-Marktanteil Brasilien (August): 9,4% der Neuzulassungen.
Die brasilianische Regierung hat jedoch begonnen, Importzölle auf ausländische Elektrofahrzeuge wieder einzuführen, die bis Juli 2026 35 Prozent erreichen sollen. Dies macht lokale Produktionen für chinesische Hersteller noch wichtiger. Brasilien könnte in Zukunft ein weiteres regionales Distributionszentrum werden, ähnlich wie Chancay.
Stephen Deng, Länderchef von BYD für Argentinien, erwartet ab 2027 Lieferungen aus Brasilien. Er prognostiziert, dass Argentinien letztendlich ähnliche EV-Raten wie Brasilien erreichen könnte.
Die rasche Expansion chinesischer Autohersteller in Südamerika zeigt einen deutlichen Trend auf dem globalen Automobilmarkt. Die Kombination aus erschwinglichen Preisen, strategischen Investitionen in Logistik und lokalen Partnerschaften positioniert China als führenden Akteur in der Elektrifizierung des Kontinents.




